Himmelsglühen

Es war einmal eine Lebkuchenbäckerin, eine Meisterin in ihrem Fach. Sie wohnte in einer freien Hansestadt und genoss dort unter den wohlhabenden Patriziern ein reich beschenktes Leben. Die Lebkuchenbäckerin wurde von allen Ella genannt. Sie war immer noch ungebunden, obwohl sie nicht mehr jung war. Ella hatte schon vor langer Zeit die Backstube ihrer Eltern übernommen, als diese gestorben waren. Ella hatte soviel zu tun in ihrer Backstube, dass sie gar nicht hinaus kam. Im Backhaus duftete es immerzu nach Honig, dem wichtigsten Bestandteil der Lebkuchen. Natürlich duftete es auch nach Zimt und Nelken, nach Pfeffer, Muskat und nach Mandeln. Ihre Lebkuchen wurden in dünnes Bienenwachspapier gewickelt und in kostbare Truhen gelegt. Dort drin hielten sie sich monatelang frisch, ja, erst durch die Lagerung entfalteten die Gewürze ihr intensives Aroma. Der kostbare Lebkuchen wurde nur an den hohen Festtagen aus der Truhe geholt und schmückte auf dem Ehrenplatz die Mitte jeder Festtagstafel.
Ella führte ein zufriedenes Leben. Sie hatte eine gute Freundin, die wohnte nebenan. Diese hatte längst geheiratet und dort tobten nun schon fünf Kinder in der Wohnküche. Wenn Ella ein wenig Zeit hatte, besuchte sie ihre Freundin und die Kinder. Vor allem am Kirchtag nach der Messe wurde sie eingeladen, das Sonntagsmahl mit den guten Nachbarn zu teilen. An einem dieser Sonntagnachmittage trat der Gemahl ihrer Freundin an Ella heran und erzählte ihr, er habe auf der letzten Fahrt mit seiner Handelskogge sogar einen Landesfürsten kennengelernt. Dieser hatte den Patrizier eingeladen, weil er so gerne Ellas Lebkuchen mochte. Er hatte eine Einladung mitgeschickt, Ella sollte ihn an seinem fürstlichen Hof treffen, weil er ihr seinen persönlichen Dank aussprechen wollte. Natürlich war Ella tief beeindruckt von der Pergamentrolle mit den Siegeln des Fürsten, in der sie zu ihm an den Hof geladen wurde.
Ihre Freundin kicherte und meinte verstohlen grinsend, der Fürst wäre noch nicht verheiratet, vielleicht könne Ella ihn ja für sich als Ehegemahl gewinnen. Doch die Lebkuchenbäckerin schüttelte lachend den Kopf. Sie liebte ihren Beruf und wollte ihre Freiheit nicht aufgeben. Auf der nächsten Fahrt wollte der Patrizier die Lebkuchenbäckerin zu dem Landesfürsten mitnehmen.
Ella war noch nie aus ihrer Heimatstadt heraus gekommen. Die Seereise über die Wellen der Nordsee und der raue Wind gefielen ihr sehr gut. Auch die Passage den Fluss hinab war sehr aufregend. An jeder Stadt am Ufer des Flusses wurde angelegt und gehandelt. Dann wechselten die Felder am Saum des Flusses mit ausgedehnten, dunklen Wäldern. Die mächtigen Baumkronen beschatteten den Fluss und Ella stellte sich vor, wie sie von dem Urwald verschlungen wurde. In dieser Zeit hatte sie keine guten Träume.
Die Stadt des Landesfürsten wurde von einer mächtigen Mauer umgeben und seine Burg erhob sich inmitten der Metropole auf einem Hügel. Wachen patrouillierten durch die Straßen, die wenigen Bürger auf der Straße sahen zu Boden, wenn sie vorbei eilten. So etwas war Ella aus ihrer freien Hansestadt nicht gewöhnt. Der Landesfürst empfing die Lebkuchenbäckerin im großen Rittersaal seiner Festung. Der Mann ihrer Freundin durfte nicht mit hinein, was Ella zutiefst beunruhigte. Der Landesfürst bewirtete Ella großzügig und ließ es nicht zu, dass ihr Weinglas leer wurde. Dann, als Ellas Wangen vom ungewohnten Alkohol gerötet waren, fragte der Fürst nach dem Rezept für ihre Lebkuchen. Ella hatte es doch schon geahnt! Die Einladung war nicht aus reiner Dankbarkeit entrichtet worden! Stur schüttelte die freie Bäckerin ihren Kopf. Jetzt zeigte der Landesherr sein wahres Gesicht. Er sperrte Ella in sein Verlies und drohte ihr, sie in dem finsteren Loch verrotten zu lassen, wenn sie nicht das Rezept der leckeren Köstlichkeiten verraten würde.
Ella blieb stur. Sie war ein hartes Friesengewächs, das sich so leicht nicht einschüchtern ließ. Bald hatte sie eine Möglichkeit entdeckt, aus dem Verlies zu fliehen. Sie wartet noch ein wenig, obwohl es ihr sehr schwer viel, bis die Weihnachtstage anbrachen. Jetzt waren die vielen Wachen, die sei bei ihrer Ankunft in den Straßen der Stadt gesehen hatte, bestimmt zu Hause in der guten Stube. Sie hatte eingewilligt, an diesem Weihnachtstag Lebkuchen zu backen. Als sie einen Moment lang unbeobachtet war, schüttete eine ordentliche Dosis Baldrian aus dem Vorrat des Kochs in den Bierkrug der Wachen, die sie in der Küche beäugten. Als alle fest schnarchten, schnürte Ella ein Bündel mit Essen und stahl die Decke vom Bett des Kochs, dann schlich sie hinaus in den Winterwald. Natürlich hatte die Kogge des Freundes schon längst die Fahrt nach Hause angetreten. Ella konnte sich nicht ausmalen, was für Lügen der Landesfürst dem ehrbaren Kapitän über sie erzählt hatte.
Ella wollte wieder nach Hause laufen. Doch der Weg war sehr weit und die Urwälder am Saum des Flusses machten ihr das Vorankommen nicht gerade leicht. Nach dem dritten Tag Fußmarsch durch den Winterwald entdeckte Ella eine Einsiedlerhütte. Sie lag schon lange verlassen, das Dach musste dringend ausgebessert werden, der Wind pfiff durch Löcher in der Lehmwand des Hüttchens. Doch hier konnte Ella auf den Frühling warten.
Ella sah nicht mehr, wie der Frost den Wald aus seinen eisigen Klauen entließ und die ersten Schneeglöckchen ihre Köpfe aus dem Waldboden streckten. Sie erlebte auch nicht mehr, wie der grantige Landesfürst die Flucht der aufmüpfigen Lebkuchenbäckerin in einer sehr abfälligen Weise in seinem Land verbreitete. Er wollte sie wieder in seiner Gewalt haben, doch seine Rolle als Entführer sollte natürlich nicht ans Licht kommen. Also stellte er Ella als kinderfressende Hexe dar, die in einem knusprigen Lebkuchenhaus wohnte, das jeder vernaschen könnte, der es fände.
Ella überlebte den Winter ihrer Flucht nicht. Eines Abends legte sie sich auf die schmale Pritsche in der eisigen Einsiedlerhütte und wachte im Himmel auf. Sie war sehr erleichtert, als sie merkte, dass sie hier nicht mehr frieren musste, dass sie hier keine Angst mehr vor den Häschern des Landesfürsten haben musste, dass sie hier endlich wieder Zimt und Honig riechen durfte. Hier duftete es nach ihrer Backstube und es war genauso gemütlich warm. Doch sie vermisste es, den Lebkuchenteig zu kneten, ihn in die Form zu legen und ihn mit Mandeln zu verzieren. Als wieder die Zeit des Advent nahte, hatte sie eine solche Sehnsucht nach ihrer Backstube, dass sie sich ein Herz fasste und einen der Engel darauf ansprach. Sie wollte für die ganze himmlische Heerschar Lebkuchen backen, sie bräuchte nur einen Ofen, den sie kräftig anheizen durfte. Die Engel nickten begeistert. Auch sie hatten schon von der unglaublichen Köstlichkeit gehört und wollten sie gerne probieren. Also wurde eine große himmlische Backstube eingerichtet. Ein riesiger Backofen sollte den Lebkuchenteig backen. Ella selbst kletterte hinein und schichtete das Buchenholz. Dieses sollte abgebrannt werden, dass heizte den Ofen auf die richtige Temperatur. Dann erst sollten die geformten Lebkuchenplätzchen hinein geschoben werden.
Als alles richtig geschichtet war, kam einer der Erzengel mit seinem Flammenschwert. Er bot es Ella an, sie selbst hatte die große Ehre, den Ofen zu entzünden. Sofort stand das trockene Holz lichterloh in Flammen. Es leuchtete in wundervollen roten Farbtönen aus der Ofenklappe und erhellte die Gesichter der anwesenden Engel. Und da so ein Leuchten und Strahlen nicht aufgehalten werden kann, erhellte es den ganzen Abendhimmel mit seinem wundervollen Rot, das von einem kraftvollen Orange nahe des Ofens bis zu einem sanften Violett weit entfernt schimmerte.
Seit dieser Zeit entfachen die Engel zur nahen Adventszeit den gewaltigen Himmelsofen, um Plätzchen zu backen und wir Menschen können es am Leuchten des Abendhimmels erkennen.

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